Montag, 8. Mai 2017

Erster Eindruck - Unterwegs mit dem FOCUS JAM² PLUS

Als einer der ersten Hersteller brachte Focus 2017 eMountainbikes mit dem neuen Shimano STEPS e8000 auf den Markt. Focus geht bei seinen Modellen Jam² und Bold² einen besonderen Weg der Systemintegration, denn das Akkupack befindet sich komplett im Unterrohr. Wir haben aktuell das Jam² in der mittleren Ausstattungsvariante PLUS im Fuhrparkt und wollen in diesem Artikel über unseren ersten Eindruck mit diesem Bike berichten.

Aktuell gibt es nur wenige interessante Bikes mit dem neuen Shimano Mittelmotor zu kaufen. Viele Hersteller stehen zwar in den Startlöchern und stellen demnächst eine erweiterte Produktpalette mit dem japanischen Antriebskonzept zur Verfügung, aktuell jedoch sind die neuen Focus Bikes eine der wenigen, verfügbaren Kandidaten mit Ausrichtung für den Einsatz im Gelände.

Wie der Name unseres Focus Bikes bereits vermuten lässt, handelt es sich bei unserem eFully um ein Plus Bike. In Front und Heck stehen 140mm Federweg zur Verfügung, das ganze gepaart mit 2,8" Schwalbe NobbyNic Reifen. Damit ist es in die Kategorie eines klassischen Allmountain Bikes einzuordnen.


Bei der Integration geht Focus einen eigenen, interessanten Weg. Hier wird das Akkupack, bestehend aus 30 Zellen, komplett in das Unterrohr eingelassen. Bei einer nominellen Betriebsspannung von 36Volt und einer Nennladung von 10,5Ah stehen somit 378Wh zur Verfügung - dies macht pro Zelle 3500mAh. Da sonst zumeist 40 Zellen verbaut werden, erspart man sich hier etwa 25% Gewicht. Zudem sitzt das Akkupack mit der Integration im Unterrohr nochmals minimal tiefer als klassische, aufgesetzte Energiespeicher. Dies verringert den Schwerpunkt minimal weiter nach unten.

Wer hier mehr Energiereserven für ausgiebige Touren benötigt, hat die Möglichkeit mittels eines weiteren, optionalen 378Wh Akkus (Preis etwa 500€, Gewicht um die 2,2kg) diesen zusätzlich auf dem Unterrohr zu befestigen und in das bestehende System mittels einer Steckverbindung auf 756 Wh zu ergänzen.

In der Praxis
Das von uns gefahrene Bike besitzt die Rahmengröße L, bei einer Sitzrohrlänge von 47cm und einem Oberrohr von 621mm wirkt das ganze auf die Daten bezogen relativ gestreckt. Tatsächlich fühle ich mich mit 180cm und 82er Schrittlänge sehr wohl auf dem Bike. Der Rahmen in Größe L vermittelt einen schönen Kompromiss aus Laufruhe und Agilität - für ausgedehnte Touren im anspruchsvollen Gelände optimal.


Das Fahrwerk
Der Eindruck vom Fahrwerk darf beim Jam² PLUS als zweigeteilt angesehen werden. Da wäre in der Front die RockShox Recon Silver Federgabel mit seinen 32er Standrohren. Hier erscheint mir die Gabel für dieses Bike in dem definierten Einsatzgebiet auf Dauer einfach unterdimensioniert.
Dies macht sich bereits beim Bremsen bemerkbar, die Plus Reifen bauen sehr viel Grip auf womit die Verzögerung deutlich gesteigert werden kann. Hier schwingt die Gabel optisch auffällig in Fahrtrichtung, dies verstärkt sich sobald die ebenfalls etwas unterdimensionierten Shimano Deore Bremsen ruppig nach längerer Beanspruchung im Anbremsverhalten werden.

Bei der Fahrt durch das Gelände oder nach kleineren Sprüngen wäre ein etwas satteres Gefühl in der Front wünschenswert. Auch hier erfordert die Kombination mit etwas schwereren Plus Reifen einfach eine steifere Gabel.

Vom Verlauf des Federwegs habe ich keine besonderen Erwartungen bei diesem RockShox Modell. In Kombination mit dem gut dämpfenden Plus Reifen verschwimmt der wahre Eindruck etwas. Es bleibt festzuhalten, dass die Gabel leichte Schläge gut aufnimmt, insgesamt aber wenig Dynamik im Federweg zulässt. Hier wäre doch zumindest eine Yari Modell mit 35mm Standrohren wünschenswert gewesen.

Der Hinterbau hingegen fühlt sich sehr gut an. Der komplette Hinterbau ist aus einem Stück gefertigt und wird quasi erst an den Drehpunkten nahe der Sitzstrebe umgelenkt. Hierdurch ergibt sich ein sattes, recht direktes Gefühl beim komprimierten Fahren in Schräglagen oder beim Herausdrücken aus Kurven. Der Verlauf des Federwegs ist angenehm, da die erste Hälfte sehr sensibel auf das Gelände reagiert und dieser im weiteren Verlauf zunehmend härter wird. Damit kommt es bei starken Kompressionsphasen zu keinen Durchschlägen.


Reifen & Bremsen
Die Plusreifen von Schwalbe haben wir zur Sicherheit auf 1,6bar aufgepumpt. Zu oft hatten wir mit diesem Modell in der Vergangenheit Probleme mit Durchschlägen. Mit diesem Luftdruck gehen zwar einige entscheidende, positive Faktoren des Plus Reifens verloren, im Gegenzug kamen wir ohne Panne durch die letzte Zeit.
Die Standard Deore Bremsen erscheinen mir für dieses Bike als weniger gute Wahl. Vor allem in längeren Bremsphasen beginnt die Bremse zu stottern bis dahin, dass der eigentliche Bremspunkt leicht verschwimmt. Wie bereits erwähnt ist die Kombination mit den traktionsstarken Plus Reifen etwas unglücklich. Ein günstiges Vierkolbenmodell wie etwa eine Magura MT5 wären ein passender Begleiter. Alles in allem funktioniert die Shimano Deore Bremse auf allen unseren Ausfahrten soweit zuverlässig, man sollte sie jedoch nicht provozieren.

Der Antrieb
Bereits bei der ersten Ausfahrt, im ersten Anstieg zu unserem Haustrail hier bei Emmendingen dachte ich im positiven Sinn - "ja was geht denn hier ab!". Der Shimano STEPS e8000 Mittelmotor fühlt sich insgesamt richtig gut und natürlich an. Fast wie früher auf dem klassischen Bike, nur mit der Kraft von einigen zusätzlichen, elektrischen Watt in den Beinen zieht der Motor selbst in der kleinsten Unterstützungsstufe ECO sehr harmonisch den Berg hinauf.

Richtig lustig wird der kleine Japaner bei einer sportlichen Trittfrequenz zwischen 80 und 90 Umdrehungen in der Minute. Hier liegt ein spürbares und fein ansprechendes Drehmoment an.
Im niedrigen Trittfrequenzbereich hingegen, fehlt es dem e8000 Modell etwas an Zug, zudem ist das Ansprechverhalten hier in der höchsten Unterstützungsstufe BOOST beim Wechsel zwischen Pedal Be- und Entlastung deutlich ruppig. Diese Eigenart motiviert jedoch dazu, sich auf dem Bike sportlich zu bewegen, wie auf einem klassischen Bike ohne Motor eben auch.

Entlang der 25km/h Grenze schaltet der Shmano Antrieb sehr konsequent die Unterstützung ab. Dies macht sich vor allem in der höchsten Stufe BOOST, beim Fahren an dieser Geschwindigkeitsschwelle, verstärkt bemerkbar. Auf Stufe ECO oder TOUR ist dieser Übergang weicher.

Insgesamt bin ich vom neuen Shimano Antrieb absolut begeistert, da er sich einfach sehr natürlich fahren lässt. Die drei zur Verfügung stehenden Unterstützungsstufen bieten einen guten Kompromiss aus effizientem Biken und Gewaltmärschen in extremen Anstiegen. Die Selektion der Stufen erfolgt über ergonomisch sehr angenehme Wippen, welche quasi den Handschalthebel (Shifter) einer Gangschaltung nachempfunden sind.

Die kleine Anzeige in zentraler Position am Lenker ist mit einem kontrastreichen Farbdisplay ausgestattet, welches stets gut abzulesen ist. Die jeweilige Unterstützungsstufe wird auf dem Display in einer jeweils anderen Farbe angezeigt. Damit ist mit einem kurzen, abschweifenden Blick vom Fahrgeschehen in Richtung Vorbau bereits erkennbar in welchem Modus sich der Antrieb befindet.
Die Schiebehilfe läuft bei Druck auf den Shifter ohne Unterbrechung in Laufgeschwindigkeit mit. Da der Daumen hier auf der unteren Ebene beruht (Knöchellinie) ist auch das aktive Führen am Lenker ohne Ermüdung möglich.

Bei unserer 1000Hm Fahrt auf den Kandel im Südschwarzwald unter permanenter Dauerlast zeigten sich keine Aussetzer oder sonstige Defizite.


Sonstiges
Die Varionsattelstütze mit 120mm macht eine zuverlässige Hub-Bewegung die mit der dazugehörigen Lenkerfernbedinung stufenlos reguliert werden kann. Die Lenkerbreite sowie die daran befindlichen Amaturen sind für eine Serienausstattung ohne Makel.
Die Schaltung funktioniert direkt und zuverlässig. Die Kombination aus 11-42er Kassette und 34er Blatt an der Tretlagerachse sind ein solider Verbund womit sich die meisten Anforderungen bewältigen lassen. Lediglich bei extremen Anstiegen, an der Grenze des Fahrbaren, wäre eine 11-46er Kassette sinnvoll.



Fazit:
Focus hat mit dem Jam² Plus eine richtig gute Basis für ein eMountainbike zuwege gebracht. Der Rahmen gefällt und weiß mit seiner modernen Architektur zu überzeugen. Der unsichtbare Akku macht das Bike schlank und lässt es optisch sehr harmonisch erscheinen. Der neue e8000 Antrieb von Shimano macht richtig Spaß und funktioniert selbst unter Volllast über längere Zeit zuverlässig.
Das Akkukonzept mag zwar mutig erscheinen, da der Markt nach immer mehr Kapazität schreit, tatsächlich jedoch reichen die 378Wh für viele Mittelgebirgstouren locker aus wenn es nicht ständig Vollgas sein muss. Für die Feierabendrunde auf dem Haustrail somit ebenfalls bestens geeignet.
Zum Preis von 4599€ für unsere Jam² Plus Variante wäre vielleicht die ein oder andere wertigere Komponente wünschenswert - vor allem bei Gabel und Bremse.
Wer hier nicht selbst tauschen möchte greift vielleicht einfach zur wertigeren Jam² Factory Variante.
Mit nachgewogenen 22,5kg (L Rahmen + Pedale) ist das Gewicht für dieses Bike sehr ansehnlich.

Touren und Akkuverlauf:

Runde über die Hohe Möhr - 38km / 1200Höhenmeter / Stufen Mix
Start mit vollem Akku - Fünf Ladeblaken
nach 12,1km / 480Hm - Vier Ladebalken - Bei Einkehr wieder voll geladen.
am Ende der Tour 38km / 1200Hm - verbleiben drei Ladebalken.


Schneller Uphill auf den Kandel - 11km / 1000 Höhenmeter / Stufe BOOST
Kilometer 0: Fünf Ladebalken
nach 2,9km / 222Hm: erster Ladebalken
nach 5,0km / 400Hm: zweite Ladebalken
nach 6,9km / 573Hm: Dritter Ladebalken

nach 8,7km / 731Hm: Vierter Ladebalken
nach 9,7km / 805Hm: letzter Ladebalken blinkt (Reduzierte Unterstützung)

nach 11,3km / 935Hm: Akku leer - keine Uuntestützung


Weitere Links zum Thema:
- Kurzvorstellung - Focus Jam² LTD
- Focus Jam² Plus - Fotostrecke

Kommentare:

  1. Guter Bericht, kann ich voll und ganz bestätigen :-)
    Ich konnten am vergangenen Wochenende an den Bike-Days in Solothurn neben dem Jam2 auch noch das Scott E-Spark 700 Plus sowie den Thömus Lightrider E1 ausgiebig testen. (beide ebenfalls mit STEPS e8000)

    Wer ein potenteres Trailbike als das Jam2 oder das E-Spark 700 sucht, wird sicher beim Lightrider E1 fündig, wobei der Preis dann schon stattlich wird ;-)

    Der Lighrider E1 wäre doch mal was für euch zum testen?

    Die Jungs von Thömus würden sich über etwas Publicity in DE sicher auch freuen!

    Viele Grüsse aus der Region Basel, Andy

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja der Lightrider E1 schaut sehr interessant aus, der Preis dazu ist jedoch auch nicht ohne. Mal sehen was wir bis Sommer noch schaffen...

      Löschen