Montag, 27. März 2017

Uphill-Flow mit Kind und Kegel – Anhänger für E-MTB‘s (2)

Im zweiten Teil des Gastbeitrags zum Thema Kinderanhänger am eMTB geht der Autor auf die Zugmaschine ein.
Es werden Argumente, beruhend auf praktischen Erfahrungen aufgeführt, die belegen wie viel Spaß ein eMTB bedeutet und welche Bereicherung es für die Aktivität mit der Familie sein kann.

Weiter geht es hier mit dem zweiten Teil....



Gastbeitrag von Michael Witzel...

Die Zugmaschine – Was ist zu beachten?
Meine Erfahrungen mit Zugfahrrädern für Anhänger umfassen: Ein Tourenrad, ein 150mm All-Mountain Fully, ein 100mm E-MTB Hardtail und ein 140mm E-MTB Fully mit Plus-Reifen.
Gleich vorweg: Bigger is better.

Das Tourenrad ist gut geeignet, wenn es um lange Touren auf gut ausgebauten Radwegen geht, bei allem anderen kommt es an seine Grenzen. Allein die geringe Steifigkeit einer günstigen Suntour-Gabel macht bergab schon ein wenig Angst, wenn sie sich beim Bremsen um 2-3 cm nach hinten biegt.
Das Fully ist super, solange es bergab oder eben dahergeht. Bei steigendem Gewicht des Kindes im Anhänger oder auf dem Trailer wird das Fahrverhalten jedoch zunehmend nervöser. Klar, es wirken dann auch andere Kräfte ein. Bergauf ist es eine Frage der Konstitution, im kleinsten Gang war aber alles fahrbar, was auch ohne Anhänger fahrbar gewesen wäre. Es dauert eben etwas länger und brennt etwas mehr in den Oberschenkeln. Mit steigendem Anhängergewicht sinkt der Spaßfaktor dabei aber deutlich.

Das E-MTB Hardtail ist als Zugmaschine klasse. Einzig die Traktion wird bergauf manchmal zur Herausforderung, denn der Bosch Performance im Turbo-Modus zieht gnadenlos am Hinterreifen. Mit einer zusätzlichen Anhängelast kommt auch ein 2,4 Zoll breiter Pneu an seine Grenzen, wenn der Untergrund nicht ganz so griffig ist. Auf dem Trail ist beim Hardtail eine aktivere Fahrweise gefragt, was in Kombination mit einem Anhänger umso schwieriger wird. Das macht mit einem Fully deutlich mehr Spaß, zumal über die (bei Hardtail ja ungefederte) Deichsel des Trailers doch ein paar Schläge mehr an den Passagier hintendran weitergegeben werden. Zum Ziehen also gut geeignet, aber lieber nicht zu wild angehen lassen.

Das E-MTB Fully ist aus meiner Sicht die optimale Lösung als Zugmaschine, aus mehrerlei Gründen:

- Das (im Vergleich zum normalen Fully) höhere Gewicht sorgt für größere Laufruhe des Gespanns und damit gerade in Anhängerbetrieb für mehr Fahrsicherheit,

- Durch die Motorunterstützung macht es auch mit „Anhängsel“ richtig viel Spaß, bergauf zu fahren,

- Ich habe insgesamt mehr „Action“-Anteile, denn auch der Zwerg hintendran findet langsame Ziehwege bergauf nur mäßig spannend,

- Die Eltern bleiben in der körperlichen Komfortzone und haben in den Pausen mehr Muße, sich um den Nachwuchs zu kümmern.

- Durch unterschiedliche Unterstützungsstufen kann ich neben den Konstitutionen auch unterschiedliche Anhängelasten kompensieren. Mutti und Vati, Trailer mit großem Kind, Hänger mit kleinem Kind, alle können zusammen fahren.


Worauf sollte man bei der Zugmaschine achten?
Wichtig für ein E-MTB als Zugmaschine für einen Anhänger sind aus meiner Sicht vier Kriterien: Der Motor, die Reifen, die Bremse und die Sattelstütze.

Der Motor muss in der Lage sein, die zusätzliche Last des Anhängers über längere Zeit ziehen zu können, ohne einzubrechen. Auch muss er vom Antritt weg kräftig genug sein, um so ein 50 Kilo-Geschoss (23 Kilo Bike, 9 Kilo Trailer, 18 Kilo Kind) nach einem Halt am Berg beschleunigen zu können.

Als Reifen kommen meiner Meinung nach nur Plus-Reifen in Frage. Das Laufradgewicht ist bei einem E-Bike sowieso zweitrangig, für den Anhängerbetrieb zählen aber Gripp, Gripp und nochmals Gripp. Sowohl beim Bremsen bergab, als auch beim Ziehen bergauf sind mit Hänger andere Reserven nötig, als ohne. Insofern stellen Plus-Reifen die erste Wahl da, zumal sie durch das feinfühlige „Wegschlucken“ von Bodenunebenheiten auch den Komfort des Mitfahrers positiv beeinflussen.
Das zusätzliche Gewicht erfordert auch eine potente Bremsanlage.

Ich habe mit der Shimano XT M785 in Verbindung mit 203er Scheiben am Rotwild gute Erfahrungen gemacht, die Magura MT5 am Cube ist noch einen Tick kraftvoller, hat aber vorne auch eine 203er Scheibe benötigt. Die standardmäßig verbaute 180er war deutlich überfordert.
Viel hilft viel, also die Bremsanlage lieber großzügig dimensionieren.
Bei 50 Kilo Systemgewicht spart man bei einer Leichtbau-Bremse am falschen Ende.

Warum ist die Sattelstütze wichtig? Weil diese durch die Sattelstützenkupplung von Tout Terrain die Verbindungsstelle zwischen Fahrrad und Hänger ist. Carbonsattelstützen scheiden hier pauschal aus. Vorsichtig sollte man mit versenkbaren Sattelstützen sein, denn hier kann die erforderliche Klemmung der Anhängerkupplung eine Beeinträchtigung der Funktion mit ich bringen. Konkrete Erfahrung habe ich mit zwei Modellen, der Kindshock LEV und der Rock Shox Reverb.

Bei der LEV führte das Anziehen mit korrektem Drehmoment dazu, dass die Stütze nicht mehr von alleine vollständig nach oben ausfuhr. Abhilfe konnte ich schaffen, indem ich die Kupplung mit Carbon-Montierpaste versehen habe. Dadurch konnte ich das Drehmoment reduzieren, so dass die Stütze wieder gut ausfuhr und die Kupplung trotzdem nicht verrutschte. Bei der Reverb gab es diesbezüglich keine Probleme, deren Gehäuse scheint etwas stabiler zu sein. Generell sollte man drauf achten, die Kupplung so tief wie möglich, am besten direkt auf dem Sitzrohr zu befestigen, damit die Zug- und Druckkräfte in den Rahmen übergehen können, ohne die Sattelstütze zu stark zu belasten. In nunmehr drei Jahren Fahrpraxis mit der Tout Terrain-Kupplung hatte ich diesbezüglich jedoch nie Probleme. Wer ganz auf Nummer sicher gehen will, nimmt eine stabile Alu-Stütze.

Und warum ist es das Cube geworden?
Über ein Jahr lang habe ich mich mit verschiedenen E-MTBs beschäftigt und dabei sowohl Brose, als auch Yamaha und Bosch Motoren Probe gefahren. Rein vom Fahrgefühl und vom Handling her hätte ich mich für ein Specialized Turbo Levo entschieden, wenn nicht der Händler vom Einsatz als Zugmaschine dringend abgeraten hätte. Es gäbe hier ohnehin mit relativ vielen der Brose-Motoren Probleme, ohne dass diese für den Anhängerbetrieb eingesetzt worden sind.

In vielen Foren sah ich diese Schilderungen leider bestätigt (der gute Oldman wird wieder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen) und entschied mich gegen Brose, zumal es mir ja explizit um brachiale Kraft als Zugmaschine geht und weniger um ein möglichst Mountainbike-nahes Fahrgefühl. So schied das Levo schweren Herzens aus.

Warum es dann ein Boschmotor wurde? Vielleicht, weil wir mit dem Performance Motor aus dem Rotwild C1 Hybrid sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Meine Frau hat Touren bis an die 100 Kilometer im Anhängerbetrieb zurückgelegt, ohne das es Probleme mit nachlassender Leistung, Überhitzung oder Akkukapazität gab (und das mit dem 400er Akku).
Auch ist es natürlich von Vorteil, in einem Haus nur ein System zu haben. Ladegeräte und Spezialwerkzeuge können untereinander verwendet werden. Und wenn es auf Tour bei einem mal knapp werden sollte, kann man die Akkus untereinander tauschen.

Warum das Cube? Zum einen, weil es einen Boschmotor hat, der ohne das Haibike’sche Hilfsritzel auskommt. Ich habe ein XDURO Probe gefahren, dieses Rattern war nicht meins.
Zumal es einer Kette im Anhängerbetrieb auch nicht guttun dürfte, noch weniger Ritzelkontakt zu haben, als es beim kleinen Boschritzel Systembedingt ohnehin gegeben ist.
Der Bericht in diesem Blog über das 27,5+ Cube Stereo Hybrid hat mich dazu bewogen, das Rad mal auszuprobieren. Und tatsächlich, die gewünschten Kriterien, die ich an eine Zugmaschine stelle, wurden erfüllt. Klasse Motor, Plus-Bereifung, potente Bremse und souveräne Fahreigenschaften.
Obwohl mit 140mm am Heck nominell etwas weniger als mein Rotwild gefedert, liegen bergab gefühlte Welten zwischen den Fahrwerken. Ohne Anhänger habe ich mittlerweile auf allen meinen Abfahrten die Strava-Zeiten des X1 unterboten, ohne dass es sich unsicher anfühlen würde.

Dem entspannten Anhängerbetrieb kommt das sehr zugute. Bergauf stellt sich auch mit Anhänger dank Turbo-Modus der versprochene Uphill-Flow ein. Zum Fahren in der Ebene benötigt man den Motor nicht, hier sind wir ohnehin meist jenseits der 25 km/h unterwegs. Auch das ist mit diesem Gespann kein Problem, trotz lediglich 1,1 Bar in den Pneus ist der Rollwiederstand akzeptabel.

Hybrid-Familienausflug mit Mama, Papa & Kind. Pausen an Zwischenzielen (wie hier an einem Spielplatz) sind wichtig, um die Motivation des Kindes auf längeren Touren hoch zu halten. Eisdielen funktionieren auch gut.




Mein Gesamtfazit:
E-MTB’s sind die perfekte Ergänzung zu geländegängigen Anhängern für Kinder.
Bergab bieten sie (wenn ich die von mir genannten Kriterien berücksichtige) viel Reserven und Stabilität, bergauf verhindern sie Laktat in den Beinen und zaubern ein Grinsen ins Gesicht.
Habe ich früher überlegt, einen Umweg zu fahren um ein Steilstück zu meiden, so fahre ich heute mit Anhänger an den schiebenden Bigbike-Jungs vorbei den Trail hinauf, mit einem trällernden Mädchen hintendran, die etwas von „Springrampen“ und „nochmal runterfahren“ brabbelt.
Als Familie sind wir mit einer Flexibilität und einem Spaß gemeinsam unterwegs, den wir so vorher nicht kannten. Punkt.

Es macht einfach mehr Laune mit 160’er Pulsfrequenz und 20 km/h einen Berg hochzufliegen anstatt mit gleichem Puls und 4 km/h auf dem Rettungsring hochzukriechen und sich vom Kind fragen zu lassen, warum man denn so laut atmet.


Weitere Links zum Thema:
- Uphill-Flow mit Kind und Kegel – Anhänger für E-MTB‘s (1)

1 Kommentar:

  1. Hallo,

    danke für die beiden Artikel. Sie sind sehr interessant und aufschlussreich. Mir war bisher noch nicht bekannt, dass von einem Fully auch ein Kinderanhänger gezogen werden kann.

    Die Anhänger über die Sattelstange zu koppeln entlastet natürlich den Hinterbau. Bisher waren nur die klassischen Anhänger mit Achskupplungen in meinem Besitz. Leider geht euer Konstrukt mit Streamliner nur mit einem oder maximal zwei Kindern.

    Für drei und mehr Kinder bleibt wohl als Zugmaschine doch nur ein Hardtail mit starkem Motor und einer Achs- oder Hinterbaukupplung, an die ein Zwei-Kinder-Anhänger gekoppelt wird und ein zweites Pedelec mit Einfach-Anhänger oder Kindersitz.

    Trails schließe ich somit mal aus, aber Wald- und Feldwege sind damit durchaus machbar und das Auto kann stehen bleiben.

    Danke auch für die Informationen zur Bremsanlage. Ich stimme soweit zu, dass 180er Scheiben bei 50kg schiebendem Zusatzgewicht bergab sehr schnell an ihre Grenzen kommen. Aus eigener Erfahrung werde ich beim nächsten Rad sehr viel genauer auf die Brems-Ausstattung schauen oder zeitnah aufrüsten.

    Gruß Alex

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