Samstag, 10. Mai 2014

Das Elektrofahrrad als Autoersatz

In diesem Artikel wollen wir das Pedelec einmal nicht von seiner sportlichen Seite betrachten, sondern von jener als Fortbewegungsmittel und Autoersatz im Alltag. Wir haben eine fünf köpfige Familie über die letzten sechs Monate begleitet und berichten nun über die gesammelten Erfahrungen auf diesem Weg.


Zunächst einmal wollen wir den Hintergrund der Umstände etwas näher beleuchten.
Anfang 2013 stand fest, dass mit dem dritten Kind weiterer Nachwuchs ansteht und der bisherige Kleinwagen für die Erledigungen in der Stadt und im Umland zu klein werden würde. Dies war der ausschlaggebende Punkt ernsthaft darüber nachzudenken den Zweitwagen gegen ein Elektrofahrrad einzutauschen. Zudem war der Kleinwagen nicht mehr in besten Zustand womit hier zusätzliche Investitionen für die nächste betriebstechnische Untersuchung von Nöten gewesen wären.
Ein zweisitziger Kinderanhänger war mit dem Carriot Cougar 2 bereits vorhanden.

Wie sah das bisherige Nutzungsverhalten mit dem Zweitwagen aus und kann ein Pedelec diese Aufgaben im Alltag theoretisch ersetzen?
Wie wohl in vielen Familie diente der Zweitwagen für typische Aufgaben wie Fahrten zum Kindergarten und zur Arbeit, Einkäufe erledigen und lokaler bis regionaler Freizeitgestaltung.
Um also drei Kinder und Gepäck zuverlässig transportieren zu können war klar, dass der vorhandene Kinderanhänger und ein Kinderfahrradsitz zum Einsatz kommen sollten. Da der große Kinderanhänger vollgefedert bis zu 45kg trägt und auch über zusätzlichen Stauraum verfügt waren hier genügend Reserven für Gepäck in Form von Einkäufen oder beispielsweise Sandelzeug vorhanden.
Der Einsatzradius um den Wohnsitz beträgt bis zu 10km, wobei die meisten Anlaufpunkte innerhalb von fünf Kilometern zu finden sind. Für ein Auto also viel Kurzstrecke, für ein Pedelec mit Kinderanhänger Wege die innerhalb von 15min zu erreichen wären.


Welche Anforderungen sollte das Pedelec erfüllen?
Um allen diesen Belastungen stand zu halten musste in erster Linie ein robustes Rad her. Dazu sollte ein zuverlässiger und potenter Antrieb verbaut sein, es sollte leicht laufen und über eine komfortabel Sitzposition verfügen. Der Preis spielt natürlich auch eine entscheidende Rolle.
Nach kurzer Recherche fiel die Entscheidung auf ein gebrauchtes Haibike Xduro RC 29, Modelljahr 2012. Mit 1800€ und 130km auf der Uhr war das Elektrorad mit seinen 29" Laufrädern in Rahmengröße 45 eine vernünftige, da kostengünstige Entscheidung. Da in der eingesetzten Region auch immer wieder Steigungen zu bewältigen sind gab es zum Bosch Motor der ersten Generation kaum Alternativen.
Nabenmotoren fahren sich in der Ebene zwar laufruhiger und sanfter im Ansprechverhalten, bieten bei Geschwindigkeiten unter 12km/h und Volllast aber eine schlechtere Effizienz da viel Energie in Wärme übergeht anstatt in Vortrieb.



Die Umbaumaßnahmen
Nun waren natürlich noch etliche Umbauten von Nöten, damit das Pedelec Mountainbike alltagstauglich wurde. So sollte das Rad über eine vollwertige Beleuchtung verfügen. Hierzu wurde eine LED Leuchte mit dem Antriebssystem verbunden. Am Motor gibt es zusätzliche Anschlussmöglichkeiten für eine Beleuchtung, somit ließ sich das Licht über den Systemakku mit Energie speisen und über das Kontrollelement für die Motorunterstützung ein- und ausschalten. Neben Lampe waren hier ein spezielles Kabel mit Stecker notwendig sowie die Freischaltung der Beleuchtungssteuerung über die Bosch Diagnose Software (Händler). Bis auf die Softwarefreischaltung alles Arbeiten, die ein technisch fundierter "Schrauber" selbst erledigen kann.

Daneben wurde ein robuster Seitenständer, Anhängerkupplung und die Halterung für den Kindersitz angebracht. Besonders bei der Montage der Halterung für den Kindersitz ging es im Bereich der Sattelstange sehr eng zu. Auch Schutzbleche und eine variable Sattelstütze kamen noch hinzu. Alles in allem Zusatzkosten von etwa 350€.



Die ersten Erfahrungen über die kalte Jahreszeit
Im November 2013 war es dann also soweit. Das Pedelec war komplett und einsatzbereit. Der mittlerweile drei Monate alte jüngste Nachwuchs bereit für den Transport mittels spezieller Babyliege im Kinderanhänger. Auch die Motivation dieses Projekt nun in die Praxis umzusetzen war sehr groß, galt es doch herauszufinden ob sich die Theorie mit der Praxis decken wird.
Glücklicherweise war der Winter 2013/2014 sehr mild und es lag so gut wie kein Schnee in der Ebene, was einen durchgehenden Einsatz vereinfachte.
Während der kalten Jahreszeit wurde recht schnell deutlich, dass der kleine 288Wh Akku schnell an seine Grenzen kommt. Das hohe Systemgewicht von bis zu 140kg gepaart mit dem viel "Stop an Go" Verkehr in der Stadt machten für einen komfortables Fortbewegen eine Unterstützung von etwa 200% zur Eigenleistung notwendig. Damit sank die Reichweite bei Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt bei vollem Akku schon mal unter 30km. Das tägliches Laden des Akku durfte also nicht vergessen werden.

Mitunter war es zu dieser kalten Jahreszeit natürlich immer mit etwas Umstand und Überwindung verbunden nicht einfach gemütlich in das Auto zu steigen. Im Gegenzug entfiel aber auch die zum Teil nervende Parkplatzsuche und der Autoverkehr.
Für die Kinder war die Fortbewegung im Anhänger eher eine gemütliche Sache. Ausgestattet mit einer vorgewärmten Decke war es dort meist sehr angenehm zu verweilen. Ansonsten unterscheidet sich der Transport der Kinder, im Vergleich zu einem traditionellen Fahrrad in dieser Konfiguration, nicht.
Technisch gesehen funktionierte über den Winter alles ohne Probleme.

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Mit dem Frühling und den milden Temperaturen kommt auch das Vergnügen.
Da der Winter im wesentlichen nur von kurzer Dauer war folgten bereits mit der Zeitumstellung auf Sommerzeit schon einige milde Tage. Damit verbunden verlor der innere Schweinehund immer mehr an Substanz da bereits beim Frühstück Freude darüber aufkam das Pedelec draußen in der Frühsonne zu nutzen. Dinge wie das tägliche laden des Akkus gehörten zwischenzeitlich zur täglichen Routine.
Nun kam es auch vermehrt zu Ausflügen in der Region, diese nach wie vor häufig mit dem Pedelec (an)gefahren wurden. Der Zweitwagen war zwischenzeitlich verkauft da sich die Fortbewegung mit Rad und Hänger durchaus bewährt hat.



Gemeinsamer Ausflug in der Region mit anderen jungen Familien - alle mit dem Pedelec unterwegs.

















Resümee nach sechs Monaten...
An steilen Anstiegen wie sie in der eingesetzten Region Südbaden, Landkreis Emmendingen durchaus vorkommen ist die Übersetzung mit dem 38er originalen Kettenblatt zu lange. Im Gegenzug werden die letzten Gänge nie gefahren, da Geschwindigkeiten über 25km/h nicht gefahren werden. Hier wird in Zukunft noch eine Veränderung anstehen und ein kleineres Kettenblatt verbaut werden.
Technisch gesehen funktioniert alles tadellos.
Praktisch wäre auch noch eine Schiebehilfe wie sie ab den Modellen Jahrgang 2013 vorzufinden ist. Soweit bekannt ist eine Nachrüstung für das 2012er Modell nicht möglich.
Nach wie vor macht es viel Freude mit einem motorunterstützen Fahrrad zu fahren - so fällt Sonntag morgens auch mal der Satz: "Schatz" ich fahr´ mal schnell Brötchen holen, Kinder nehme ich mit!

Energieverbrauch
Da das Ladegerät fest mit einem Energiemessgerät verbunden ist lässt sich ziemlich genau ermitteln wie groß die Energiekosten für den Betrieb des Pedelec sind. So lag der Verbrauch nach 995km bei 6,7kW/h - macht bei einem kWh Preis von 27,75cent ("Schönauer Stromrebellen") also etwa 1,86€ auf 1000km.

Zwei mal das Haibike Xduro mit 29" Laufrädern. 

Kommentare:

  1. Guter Bericht!
    Meine Erfahrung ist die, dass es bei kalten Wetter auch nicht immer gemütlicher ist Kurzstrecke mit dem Auto zu fahren, Meistens wird die Heizung gerade erst warm wenn man schon da ist...

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  2. Ihr Artikel ist sehr interessant!

    Ihr nächster Artikel sollte lauten "Pedelec und Kindersitz - geht das - wenn ja wie?"

    Sehr schön wäre es, wenn Sie einige handelsübliche Pedelecs testen könnten z.B.
    http://www.sonstnix.de/Prophete-28-Alu-Cityrad-e-novation-36V-Mittelmotor-8-Gang-Nexus
    ob diese geeignet sind oder nicht.
    Oder vielleicht könnten Sie zumindest eine Empfehlung geben könnten,
    welche handelsüblichen Pedelecs fuer Kindersitz oder Kinder-Anhänger explizit geeignet erscheinen.

    Oft habe ich feststellen müssen, dass die Hersteller einfach sagen
    "Nicht geeignet für ..." "Wir empfehlen grundsätzlich keine Kindersitze zu benutzen"
    ohne irgendwelche näheren Angaben.
    löbliche Ausnahmen gibt es:
    http://www.r-m.de/load/
    http://www.r-m.de/bike/transporter-hybrid/

    Leider sind diese Modelle dann aber auch deutlich teurer ... 3000 € ... 5000 € ...

    Ich suche zum Beispiel etwas geeignetes für 2500 € inklusive KIndersitz oder definitiv geeignet zur Befestigung eines Fahrrad-Kindersitz
    z.B. http://www.amazon.de/R%C3%B6mer-2000002826-Fahrrad-Sicherheitssitz-Comfort/dp/B0038EIY2G#productDescription

    Alles Gute und weiterhin solche interessanten Artikel
    wünscht Ihnen Jörg aus Görlitz

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    1. Hallo Jörg,

      vielen Dank für die positive Rückmeldung.

      Da wir hier alles privat finanzieren sind unsere Mittel für Testobjekte sehr eingeschränkt. Dies bedeutet, dass wir in erster Linie das anschaffen was Spaß macht oder Zweckgebunden ist - darüber berichten wir dann.

      Aber mal sehen, vielleicht gehen wir auf die Sache mit dem Kindersitz nochmal näher ein.

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  3. Hallo,

    sehr cooler Testbericht!!!
    Besonders interessant fand ich die Angabe zum Stromverbrauch. Denn das war bisher immer der Punkt, der mir das "Ökovergnügen" ein E-Bike statt einem normalen Fahrrad zu nutzen mieß machte. Daher gut zu wissen, dass der Verbrauch so gerning ist!!
    Toll!
    Weiter so

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